Wie die Pinguine
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Wie die Pinguine

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Anmerkungen zur Inklusion und Exklusion in der 2.4mR

Inklusion von Behinderten ist ein stark benutztes Wort. Kürzlich hörte ich eine Diskussion über Inklusion speziell im Segelsport. Gesprochen haben dabei in erster Linie Nichtbehinderte und vehement Inklusion als ein Menschenrecht gefordert. Das ist aller Ehren, Anerkennung und Unterstützung wert.

Unwohl fühlten sich die diskutierenden Nichtbehinderten mit dem Wort „behindert“ und versuchten es mit „eingeschränkt“, „beeinträchtigt“ oder ähnlichen Hilfskonstrukten. Offiziell heißen behinderte Segler „Para-Segler“, dem Begriff Paralympics folgend. Das ist ursprünglich eine Zusammensetzung der Wörter Paraplegic (engl.: gelähmt) und Olympic. Um ihn auch auf Menschen mit anderen Behinderungsarten zu erweitern, wurde die Wortbildung neu definiert und wird jetzt auf die griechischen Worte Para (neben) und Olympics zurückgeführt. Siehe Wikipedia

Ich selbst habe mit der Kennzeichnung als Behinderter keine Probleme. Und da geht es mir wie vielen anderen Betroffenen. Etwas provokativ formuliere ich häufig gegenüber „Normalos“: „Bei mir sieht man die Behinderung, bei Euch nicht!“

Statt Behinderung könnte ich auch von Schwächen sprechen und dann wird gleich klar: Jeder Mensch hat seine Stärken und seine Schwächen. Und wenn Inklusion häufig als die Ermöglichung von „Teilhabe“ bezeichnet wird, dann behindern jeden Menschen seine Schwächen an einer Teilhabe in ganz unterschiedlichen Lebensbereichen. 

  • Ein Mensch, der nicht gut singen kann, ist von der Teilhabe in einem Chor ausgeschlossen. 
  • Jemand, der vor Mäusen Angst hat, ist behindert in einem Haus zu leben, indem auch nur gelegentlich Mäuse auftauchen.
  • Jemand, der nicht besonders gut laufen kann, ist vom Beruf des Profi-Fußballers ausgeschlossen

Aber alle diese Menschen, denen eine Teilhabe in bestimmten Bereichen nicht möglich ist, haben auch Stärken, die die Teilhabe in anderen Bereichen zulassen, die wiederum anderen Menschen verschlossen sind.

Das ist nicht nur eine philosophische Erörterung, sondern zeigt auch Wege auf, wie man Exklusion überwinden kann. Denn Inklusion kann man erreichen, wenn man auf die Stärken setzt oder die Schwächen, wenn nicht überwindet, so doch abschwächt. Dazu gibt es unterschiedliche Wege:

  • Exklusion akzeptieren: Wenn man keine Stärke für Fremdsprachen hat, kann man akzeptieren, dass einem der Beruf des Dolmetschers verschlossen ist (und dann einen der tausend anderen Berufe wählen). Wenn man nicht gut singt, kann man die verweigerte Aufnahme in einen Chor verschmerzen (und vielleicht Gemeinschaftsgefühl in einem der vielen Vereine mit anderen Zielsetzungen suchen).
  • Schwächen im Team oder in der Partnerschaft ersetzen: Im Falle der Mausphobie ist das Problem weitestgehend gelöst, wenn ein Partner die Mäuse bekämpft und entsorgt. Das Haus ist weiterhin bewohnbar.
  • Ersatzwege beschreiten: Der Laufschwache kann sicherlich nicht Mittelstürmer spielen, aber vielleicht in einer Kindermannschaft im Tor stehen und im Fallen manchen Ball halten.
  • Technische Hilfsmittel verwenden: Ein Beinamputierter wurde vor 100 Jahren mit Krücken mobil, heute mit elektronisch gesteuerten Prothesen.

Ich hatte das große Glück seit meinem 8. Lebensjahr, nachdem ich an Kinderlähmung erkrankt war, inklusiv leben zu können. Exklusion war für mich ein Fremdwort – im doppelten Sinn. Ich war nicht ausgeschlossen von der normalen Grundschule, vom normalen Gymnasium, von der Universität, von Regatten gegen nichtbehinderte Segler, vom Fussballspielen im Tor (siehe oben), vom Tanzen mit toleranten Mädchen. Ich war nicht ausgeschlossen von familiärem Glück oder von beruflichem Erfolg.

Und so sieht es nun auch seit etlichen Jahren im 2.4er aus. Dort ist für uns als Segler die Exklusion ausgeschlossen. Egal, ob man den Mast nicht ohne Hilfe setzen oder den Trailer nicht schieben kann. Beim Start, auf der Bahn und im Ziel gibt es keinen Sonderstatus und keine Hilfe. Da sind Behinderte und Nichtbehinderte völlig gleichgestellt. Da kommt es nur auf die Segelstärken an, körperliche Schwächen sind nachrangig. Das ist für den Sport einzigartig.

Schön auf den Punkt gebracht, heißt das:

Behinderte 2.4er-Segler sind wie Pinguine:
Auf dem Land schwerfällig, im Wasser aber flott und beweglich.

Megan Pescoe, Weltmeisterin in der 2.4mR

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7 Kommentare

  1. Jörg Feder

    Auch ich kann den Text inhaltlich nur unterstützen. Aber:
    Im Kern heißt es ja, „Inklusion ist, wenns egal ist.“ Egal wieviele Arme, Beine, Kilos, IQ-Werte oder Haare.
    Diese Ziel nimmt aber den Behindertenorganisationen Ihre Daseins-Berechtigung. Solange der Behindertensport international Behindertenwertungen fordert, muss es auch welche geben. Und wenn eine Veranstaltung auch als Behindertenveranstaltung ausgeschrieben werden muss, dann ist das halt so. Wir müssen auf dem Weg, den Detlef beschrieben hat vorangehen, leider müssen wir aber auch den Int. Behindertensport Includieren.

  2. Burkhard Hermes

    Danke für diesen Beitrag und diese Sicht, die Ihr (vor allem Lutz und Du) schon vor längerer Zeit als offenes Diskussionspapier online gestellt hattet. Mich hat der Ansatz damals sehr beeindruckt, und ich fand ihn, Inklusion „mutig“ bis zu Ende gedacht, logisch zwingend.
    Hier einige persönliche Gedanken dazu:
    Inklusion und Teilhabe bedeuten nicht, dass eine Gruppe von Menschen „mal dabei sein darf“ und sonst ausgeschlossen ist. Sie darf nicht negativ diskriminiert werden. Sie bedeuten andersherum aber auch nicht, dass es für diese Gruppe besondere Veranstaltungen, Wertungen oder ähnliches geben muss. Das wäre positive Diskriminierung. Beides, positive und negative Diskriminierung sind Diskriminierungen.
    Teilhaben enthält „haben“ und heißt somit, alles, was eine Gruppe ausmacht, zu haben. Kriterien, Vor- und Nachteile usw.
    Inkludieren bedeutet umfassen, einschließen, d.h. „sein“. Wenn also jemand gleichwertiger Teil einer Gruppe ist, sind differenzierende Merkmale bedeutungslos. Das ist, was man beim Steg-Schnack und abends beim Bier auf Regatten erleben darf. Vieles spielt eine Rolle, aber das Thema Behinderung eher nicht.
    In der Konsequenz also wären Inklusion und Teilhabe dann umgesetzt, wenn positive und negative Diskriminierung Vergangenheit wären. Genau genommen ist Inklusion erst dann gelungen, wenn nicht mehr differenziert wird. Das heißt aber eben auch, dass man keine positive Diskriminierung, also exklusive Sonderwertungen oder Meisterschaften mehr hat.
    Nun hört man immer mal wieder den Vorwurf, es gebe Menschen, die den Para-Sport beenden wollten. Ich verstehe diesen Vorwurf nicht, und ich halte ihn für Unfug. Soweit ich das überblicken kann, basiert dieser Vorwurf entweder darauf, dass die Folgen ernst genommener Inklusion nicht verstanden werden, oder es weitere Gründe gibt, die nicht offen diskutiert werden. Vielleicht will man auch nur auf die Vorteile, die an etwas exklusivem wie dem Para-Sport hängen, nicht verzichten. Das wäre dann aber eher ein taktisches Argument. Das sollte in der Klasse transparent sein, und von der Mietgliederversammlung bewertet werden.
    Zu den Begrifflichkeiten „behindert“, „eingeschränkt“ oder „Para“ steckt man bei der Verwendung sprachlich immer etwas in der Falle. Anfangs wird ein Begriff eingeführt, der differenzierend beschreiben soll. Dieser Begriff wird dann aber im Laufe der Zeit immer mehr als (negativ) diskriminierend verstanden, bis er nicht mehr tragbar erscheint. Und dann braucht man einen neuen Begriff. Diesen Effekt findet man auch anderswo, z.B. bei der Differenzierung von Hautfarben. Ich persönlich versuche mich danach zu richten, was diejenigen, die differenziert (nicht diskriminiert!) werden dazu sagen. Daher freue ich mich über Deine Aussagen dazu.
    Und ich freue mich, wenn die Entwicklung der Klasse sich weiter in Richtung Inklusion entwickelt, und, wie Lutz in seinem Post schreibt: „dass Inklusion umso mehr gelungen sein wird, je weniger über sie gesprochen und geschrieben wird“.

  3. Lutz-Christian Schröder

    Das ist ein Klasse Text, Detlef! Du beschreibst, was mich persönlich antreibt in der Klasse der 2.4mR, gemeinsam mit allen anderen zu segeln, nach neuen Möglichkeiten zu suchen und diese umzusetzen, z.B. Personalisierung von Booten damit viele mitmachen können. Übrigens glaube ich, dass Inklusion um so mehr gelungen sein wird, je weniger über sie gesprochen und geschrieben wird – da brauchen wir wohl noch einen langen Atem.

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